Geschichte
Vorwort zur Geschichte in eigener Sache
Wie soll jemand, der nicht von Anfang an mit dabei war, hier eine nahezu lückenlose, chronologisch hieb- und stichfeste Aufstellung der Höhepunkte unseres Chores zusammenstellen?
Wen interessiert das? Wollt Ihr sowas? Nö - gell!!!
Habt Ihr auch schon mal so eine abschreckende Hochglanz-Festschrift eines jubilierenden Posaunenchors in der Hand gehalten, so etwa im Stil a la Geschichts-Lehrbuch:
"Im Jahre 1958 wurde der Posaunenchor Reudern erstmals urkundlich erwähnt...."
Im Anschluss folgt die Auflistung der ehemaligen, streng gekämmten 26 Dirigenten auf Schwarzweiß-Fotos, verfolgt von den Grußworten des Verlegers, des Ordnungsamtes, mit den besten Wünschen für die Anwohner und des Kassen- und Notenwarts, der hier die Gelegenheit beim Schopfe packen will, um auf diesem Wege einen neuen Dirigenten für die momentan vakante Stelle zu finden.
Darauf folgen die Werbeanzeigen der örtlichen Betriebe, die in enger, wirtschaftlicher Verbindung mit dem Posaunenchor stehen, als da wären:
- Gastwirt am Ort - der hilft, die in der Probe erarbeiteten Kenntnisse zu formatieren.
- Heizungsbauer - der festsitzende Stimmzüge wieder frei lötet, bzw. im Anschluss Börtelwerkzeug verleiht.
- Drogerie - Sidol, Sidol, Sidol und noch eine Flasche Sidol für die Beulenhaufen der Jungbläser
- Autohändler - Alle brauchen ja ein Auto um die 150 Meter zur Kirche fahren zu können.
- Hörgeräteakustiker - für die Opfer in der ersten Reihe.
- usw.
- usw.
Wo waren wir stehen geblieben?
Langjährige und hauptamtliche Dirigenten gibt es bei uns "nur" zwei, und die sind glücklicher Weise auch heute noch sehr präsent im Chor mit dabei. Adolf Deuschle spielt heute im Tenor und an Eberhard Ellwanger werden wir hoffentlich auch noch lange unsere wahre Freude haben (Dazu später mehr).
Aber woher haben die anderen Chöre all ihr präzises geschichtliches Wissen und woher kriegen wir die notwendige Info?
2 Hauptquellen hierzu seien schnell genannt: Adolf und Manne wissen noch viel von "früher". Waren sie damals zur "Gründerzeit" bereits aktiv dabei und sind übrigens auch heute noch absolut unverzichtbar und für den Chor wichtige und prägende Originale!!!
Auch wenn einiges vergessen scheint, gerade was auch den genauen Zeitpunkt betrifft, so tauchen doch immer wieder neue Geschichten aus der Vergangenheit auf, die jede für sich ihren eigenen Reiz hat und hier festgehalten werden sollen.
Es sind Infos, sozusagen aus erster Hand, verziert mit jenem einmaligen, für beide unverwechselbaren und kurzweiligen Sprachgebrauch, der schon rein dramaturgisch gesehen keinerlei Wünsche mehr offen lässt und echt fesselt!
Fazit
Was ist unser Ziel hier an dieser Stelle:
Nur die wichtigsten Jahreszahlen werden recherchiert. Im Vordergrund stehen die besonderen Geschichten, Vergleiche zwischen Chor früher und heute und dass allen Leserinnen und Lesern klar wird, weshalb wir gerne Teil dieses Chores sind und bleiben wollen.
Der Anfang eines Chores
Stellt Euch vor, Ihr hättet als gebürtiger Notzinger vor über 46 Jahren nach Reudern eingeheiratet...
Tja, seht Ihr, da gab es noch keinen Posaunenchor am Ort.
Deshalb brachte Adolf Deuschle damals zur eigenen Hochzeit sich und seinen Notzinger Musikverein mit.
Pfarrer Pankritz erkannte die Gelegenheit und fragte den Bräutigam, ob er nicht bereit wäre, in Reudern einen Posaunenchor zu gründen.
Folgende Personen hatten den Mut zu beginnen
- Fritz Schäfer - Trompete
- Manfred Metzger - Trompete
- Walter Kurz - Trompete
- Klaus Sensbach - Tenorhorn
- Adolf Deuschle - Zugposaune
- Herr Peresich - Helikon *)
*) zum "Du" kam man nicht, da er bald wegzog.
Beschaffung der ersten Instrumente
Instrumente konnten teilweise vom damals ruhenden Wendlinger Posaunenchor ausgeliehen werden, ein Kollege aus Köngen brachte
Adolf auf diese Idee, auch wenn diese Instrumente damals zum Teil "
Es wird hier von einem "roten Helikon
" berichtet, welches erst mit Hilfe einer Klinikpackung Sidol
optisch soweit gebracht wurde, dass zumindest das Auge erkennen konnte: Dieser Rohrhaufen hat nicht nur die Silhouette eines
Baßinstruments, sondern es ist auch tatsächlich aus Messing.
Abgekauft wurde dieses Instrument vom Esslinger Posaunenchor in Höhe
von 40 DM!!. Adolf Deuschle und Klaus Sensbach holten dieses Instrument gemeinsam per Motorroller ab.
Das Originalmundstück
galt als verschollen und keiner der Bläser brachte einen Ton heraus.
Adolf glaubte aber an die Option, dieses Gerät wieder
spielbar und gängig zu bekommen. Auf dem Heimweg dann musste eine kurze Rast eingelegt werden, da das Helikon etwas
auf der Schulter drückte und verrutscht schien. Beim Absteigen aber gab das Instrument ein merkwürdiges klapperndes
Geräusch von sich. Bei näherer Untersuchung dann
stellte sich heraus, dass sich das Mundstück im Innern des Instruments befand, sich dort festgesetzt hat und sich erst jetzt wieder
gelöst und durch scheppern bemerkbar gemacht hat.
Dennoch war dieses Instrument kein wirklicher Genuß, und auch nach mehreren Fahrten zwecks Versuch einer Reparatur in Tübingen nicht
wasserdicht zu bekommen. Daher hatte Herr Peresich stets ein Handtuch zwischen sich und seinem Instrument getragen.
Vom Klang und der entsprechenden Anzahl nasser Hosenbeine her wurde der Wunsch nach einer neueren Tuba rasch genährt und dessen Umsetzung geplant.
Der Chor wollte eigene Instrumente haben, deshalb führte der Posaunenchor mehrere Altpapiersammlungen durch:
Altpapieranekdote Nr 1:
2 Anhänger voll Papier begaben sich mit dem "Kurzen Walter", seinem Bulldog und anderen jungen Helfern auf
den Weg nach Neckartailfingen. Dieser Zug wurde jedoch durch ein auffallend grünes Auto und ernste uniformierte Männer aufgehalten.
Adolf Deuschle musste darauf den Beweis antreten, dass es sich hierbei nicht um einen gewerblichen Transport handelt,
sondern, dass der Posaunenchor neue Instrumente braucht.
Altpapieranekdote Nr 2:
Auf dem Weg, um eine weitere Lieferung Altpapier bei der Bahn abzuliefern, muss in Reichenbach ein Stapel Papier ausversehen auf den Gleisen
unbemerkt vom Hänger gefallen sein. Der nächste vorbeifahrende Zug ließ sich es nicht nehmen, dieses zufälligerweise auch noch recht brisante Material
eines Geschäftsmannes gleichmäßig und großzügig auf dem Bahndamm zu verteilen. Die Adresse des Geschäftsmannes brachte die
ermittelne Poliminalkrimizei auf den überraschten und peinlich berührten Reuderner Staatsbürger, verbunden mit einer polizeilichen
Anzeige. Dieser aufgebrachte Reuderner wandte sich dann "gut gelaunt" an Adolf. Es begann für diesen daraufhin ein
Verhandlungsmarathon und eine aufwändige Putzaktion mit/ohne diversen uniformierten Staatsbeamtenbeamten mit Paragraphenkenntnis.
Schließlich sorgte ein in Reudern bekannter Kollege für Ruhe und ein gutes Ende.
Seither ist der Posaunenchor polizeibekannt.
In der Ortsbeilage des Evang. Gemeindeblattes für Württemberg März/Mai 1961 steht z.B. folgende Notiz:
"... Nachträglich dankt auch noch der P o s a u n e n c h o r für alles Altmaterial, das Anfang März
zur Abholung bereitgestellt worden ist. Der Erlös waren 428,90 DM, die zur Anschaffung eines dringend
benötigten Instruments verwendet wurden. Da wir beabsichtigen, diese Altmaterialsammluingen auch
weiterhin durchzuführen, bitten wir alle Reuderner Haushaltungen, ihr Altmetall, Lumpen und Papiere nicht den
auswärtigen Altmaterialsammlern zu geben, sondern zu warten, bis wir sie abholen. Dadurch kommen sie ortseigenen Aufgaben zugute.
Mit herzlichen Grüßen
Pfarrverweser Völter mit Frau"
Wo üben?
Die Suche nach einem geeigneten Übungsraum gestaltete sich nicht so einfach wie zuerst angenommen. In der damals noch stehenden, alten Kirche gab es keinen Gemeindesaal.
Zuerst wurde ein Raum im Keller des alten Pfarrhauses als Übungsraum angeboten. Doch schon beim ersten Treffen, bevor die erste Tonleiter komplett erklang, stand Herr Pfarrer Langhammer in der Tür und stellte fest, dass dieser Raum wohl doch nicht so geeignet sei. Durch ein Gespräch mit Herrn Lehmann, der damals den Reuderner Gesangverein leitete, gelang es Adolf Deuschle, dass der Posaunenchor einen Raum in der Schule (Bühne) zur Verfügung gestellt bekam, in dem endlich durchgestartet werden konnte.
Zusätzliche Open-Air-Sonderproben motivierten den jungen Chor, spieltechnisch dazuzulernen. So wurde sonntags öfters auf Gartengrundstücken am Börlenberg, im Wald und auf dem Hörnle geübt. Erst einige Zeit später, als die damalige Gemeindeschwester Sophie im Reuderner Pfarrhaus wohnte, war der Posaunenchor im dortigen Jugendraum wieder willkommen. Mit den Worten: "Då kommet meine Buaba wieder...!" heizte sie im Winter emsig ein, damit die Probe nicht mit Schnupfen endete.
Das wohl älteste noch existierende Schriftstück
...,das von der Existenz unseres Chores berichtet, stammt vom damaligen Bezirksjugendwart Helmut Krämer, getippt auf einer etwas tückischen Schreibmaschine und zwar am 18.03.1958, an den damaligen Bezirksposaunenwart Otto Koch:
"Gestern Abend war ich in Reudern u. habe mit R. Bauer (damaliger Kirchenpfleger) über die seit kurzem begonnene Posaunenarbeit
dort gesprochen. 6 Jungen u. junge Männer kommen nach Nürtingen, um von Otto Besemer in die "Urgründe des Blasens" eingeweiht zu werden.
Otto macht das sowieso für den Nürtinger Chor. Nun wollte ich Dich bitten, zu prüfen, ob Du die Brüder aus Reudern, die natürlich
noch nicht mitblasen können, nach Hepsisau einladen wolltest. Es ginge dabei in erster Linie wohl darum, daß sie Gemeinschaft mit dem
Herrn als Grund des Bläserdienstes erkennen u. die Gemeinschaft mit den Brüdern gewinnen. Vielleicht ist aber der 20.4. dazu besser geeignet.
Leider wird Erwin Kumpf zum 1.5. Nürtingen verlassen. Er wollte mit Dir, glaube ich, noch über die Frage des Nachfolgers reden. Zunächst ist Ludwig Alber,
auch ein Bruder aus Tailfingen, vorgesehen. O.Besemer hat die Gesamtleitung abgelehnt. Ich unterrichte Dich lediglich, bitte Dich aber, keine
weiteren Schritte zu unternehmen, außer in der Stille des Gebets. Erwin wollte Dich selber sprechen.
Vielleicht kannst Du mir bald Antwort zukommen lassen?
Herzliche Grüsse, auch an Deine ganze Familie u. die Brüder in Oberboihinger Chor!
Dein Helmut"
Um schneller vorwärts zu kommen ...
... schloss man sich zeitweise dem Nürtinger Posaunenchor unter der damaligen Leitung von Ludwig Alber an, der mittels Abhol- und Heimfahrdienst per Motorroller auch in Reudern zeitweise die Proben hielt.
Er führte Buch über Probenbesuch und andere Ereignisse.
Ludwig Albers Aufschriebe vom Anfang
- 04.06.1958 "Es wurden geübt: Intrade SK 49 und Marsch SK 55, verschiedene Volkslieder PK 344,347,354 usw."
Vermerk: "Es hat ordentlich geklappt heute; sie haben alle recht nett mitgemacht.... Außerdem kamen zum ersten Mal die Reuderner Bläser, insgesamt 6 Mann." - 16.06.1958 Vermerk:"Recht ordentlich... 3 Bläser von Reudern sind auch wieder da."
- 16.07.1958 Vermerk:"Ziemlich unordentlich. Sehr spät angefangen "mangels Masse". Personell dann etwas besser, aber ziemlich verfahren und flatterhaft. Auch ist ein Fräulein von Reudern da, die das Blasen lernen will. Das hilft natürlich auch noch zum nicht aufpassen. Von Reudern sind 4 Mann da."
Weitere schriftliche Ergänzungen [Dez '98]:
"Die Probenabende wurden dann wohl im Sommer 1959 von Nürtingen nach Reudern verlegt, zuerst in der alten Kirche, dann im neuen Schulhaus.
Dazu holte mich Adolf Deuschle mit seinem Motor-Roller in Nürtingen ab. Zuerst wurde ich dort bei Deuschles mit einem Abendessen
verwöhnt, dann kam als Nachtisch die eigentliche Chorprobe; anschließend wurde ich von Adolf Deuschle, Fritz Schäfer oder Manfred Metzger
wieder nach Hause gefahren. Bei dieser Gelegenheit passierte am 24.3.1961 ein Unfall. Wir kriegten die Kurve nicht, und ich musste deshalb
für einige Tage ins Krankenhaus.
Dann war Reudern selbständig.
Der erste Auftritt
Am Erntedankfest 1958 bekamen die Gottesdienstbesucher zum ersten Mal einen akustischen Eindruck.
früher und heute?
Einen klaren Übergang von damals zum "heute" gibt es nicht.
Dass der Posaunenchor ausserhalb der Proben und Auftritte ebenfalls aktiv war und ist, ist mit ein Grund , dass im Chor ein besonderer Zusammenhalt gewachsen ist und dieser anhält - Unsere Aktivitäten sind unter anderem auch in unserer Rubrik "UNTERWEGS" festgehalten-.
Vieles steckt aber unveröffentlicht tief in unseren Köpfen, hat uns geprägt beeinflusst, hat in uns wichtige Spuren hinterlassen.
Vieles, was dem Chor früher schon wichtig war, wirkt bis in die heutige Zeit und bleibt so lebendig.
In besonderer Weise spüren wir dies an Andreas Deuschle (Ande), mit dessen Tod wir gemeinsam nun schon
mehr als 3 Jahre umzugehen versuchen.
Unser Chor hat Andreas viel zu verdanken.
In ungeahnt vielfältiger Weise begegnen wir ihm heute noch.
Es gibt unglaublich viele Momente, in denen wir erneut an Ande erinnert werden:
Sei es, wenn man z.B. das SDH V in der Notentasche sieht,
sei es, wenn ein Sportflugzeug von der Hahnweide startet, oder wenn die Sommerpause beginnt und viele im Urlaub sind und hoffentlich wohlbehalten wieder zurück kommen.
Deshalb haben wir Webmaster uns dazu entschlossen, Ande hier eine extra Seite zu widmen, in der die jeweils für
uns besonderen Erlebnisse
für alle weiteren Interessierte festgehalten werden können.
Wer hier aus dem Chor einen kleinen Beitrag ergänzend hinzufügen möchte, darf dies natürlich sehr gerne tun.